Mit der Premiere von ‚STOFF: Ein Spitzengeschäft‘ in Vorarlberg präsentierten die vier nigerianischen und österreichischen Regisseurinnen Mitte März ein Werk, das nachwirkt: Die anschließende Debatte verdeutlichte, wie intensiv das Bundesland um eine dekoloniale Identität und privilegien Diskussion ringt.
Eine Reportage von simon INOU aus Dornbirn
Als ich am Abend des 14. März um 17:40 Uhr am Spielboden Kino eintreffe, empfängt mich Vorarlberg mit Regen und Kälte – ein scharfer Kontrast zum milden Wiener Vormittag, den ich gerade erst hinter mir gelassen habe. Doch wer an Vorzeichen glaubt, mag in diesem Regen einen Segen des Himmels sehen: Ein feuchtes Willkommen zur Premiere in jenem Bundesland, in dem die Wurzeln der beiden Regisseurinnen Anette Baldauf und Katharina Weingartner liegen.
An diesem 14. März verwandelt sich der Spielboden wieder für „TIA – This Is Africa“. Die Bar ist geschmückt mit den Flaggen des Kontinents und der Diaspora; die Musik wechselt zwischen afrikanischen Beats und jamaikanischen Vibes. Rechts vom Eingang legt der DJ auf, während im hinteren Bereich Elisabeth ihre afrikanischen Spezialitäten anbietet. Die gebürtige Beninesin lebt zwar seit über vier Jahrzehnten in Dornbirn, doch ihr Herz ist in der Heimat. „Bonjour ma mère“, begrüße ich sie. Voller Sehnsucht erzählt sie von ihrer letzten Reise nach Benin und ihrem Plan, bald endgültig zurückzukehren. „La vie c’est là-bas mon fils, pas ici“, erklärt sie mir bestimmt. Mit meinem Essen in der Hand finde ich schließlich einen Platz in der Runde.
Bereits 30 Minuten vor dem Start war das Foyer des Spielboden Kinos dicht bevölkert
Heute in Vorarlberg wird der Film ‚STOFF: Ein Spitzengeschäft‘ zum ersten Mal gezeigt. sechs Wochen nach der fulminanten Wiener Premiere im ausverkauften Stadtkino im Künstlerhaus. Heute wird der Film im Rahmen des zehnten Human Vision Filmfestival in zwei ausverkauften Säle im Spielboden gezeigt. Ein treues Festival für Katharina Weingartner seit Jahren. Die Regisseurinnen sind da und haben viel zu tun, da der ORF Vorarlberg ein Team für diese Premiere geschickt hat. Gegen 18h40 fangen die Dreharbeiten für den TV Beitrag an. Danach folgt ein Interview mit dem Protagonisten Hans Fässler, der in der Schweiz seit mehr als 20 Jahren die dekoloniale Arbeit leistet. In Wien war er bei der Premiere und heute ist er mit seiner Frau gekommen. Hier in Dornbirn sind die Interviews gegen 19h00 zu Ende gegangen.
Ich verlasse den kleinen Kinosaal, der zuvor als Interviewort für das Fernsehen diente, und traue meinen Augen kaum: Das Foyer wimmelt bereits von Menschen. Man muss sich förmlich nach draußen durchschlagen. Und das eine halbe Stunde vor Filmbeginn! Das Vorarlberger Publikum brennt sichtlich darauf, das Werk jener Regisseurinnen zu sehen, die in den lokalen Medien für so viel Diskussionsstoff gesorgt haben.
Margarethe Bösch – Eine zentrale und mutige Person im Film
Der Film geht mit der Vorarlberger Textilindustrie hart ins Gericht. Gemeinsam mit den nigerianischen Regisseurinnen Joana Adesuwa Reiterer und Chioma Onyenwe beleuchten die Filmemacherinnen die menschenverachtende Kehrseite des Wohlstands am Bodensee. Sie zeigen auf, wie eine fatale Mischung aus Sklaverei, Kolonialismus und maßloser Profitgier Vorarlberg zu Reichtum verhalf, während gleichzeitig die Textilindustrie Nigerias – begünstigt durch die Komplizenschaft der dortigen Führungselite – ruiniert wurde. Obwohl es vor Ort produzierende Betriebe gibt, genießt das Label ‚Made in Austria‘ bis heute eine weitaus höhere Akzeptanz als ‚Made in Nigeria‘.
Zentrale Figur des Films ist Margarethe Bösch, die das Geschehen miterlebt und in Buchform – margret´s African connection – dokumentiert hat. Ihre These – der Vorarlberger Wohlstand basiert auf der Ausbeutung Westafrikas – gibt die Richtung vor. Das darin eingebettete Soziodrama verleiht der Dokumentation eine besondere Schärfe, indem es die moralische Verdorbenheit der Unternehmerfamilie Ganahl mit der Geschichte türkischer Textilarbeiterinnen kontrastiert. Ein emotionaler Höhepunkt ist der Moment, in dem Nurcan Bakmaz um ihre Mutter weint, die jahrzehntelang in den Fabriken schuftete – ein Beweis dafür, dass die Wunden der Vergangenheit noch lange nicht geheilt sind.
Der Soziodrama im Film zeigt Ungleichheiten ohne zu urteilen
Nach Ansicht der Regisseurin Katharina Weingartner ist die Rolle des Soziodramas in Bezug auf Vorarlberg vor allem ein Versuch, „nicht irgendwelche Schuldigen zu suchen, sondern kollaborativ und kooperativ mit dieser Vergangenheit umzugehen“, wie sie in der Diskussion nach dem Film erläuterte. Diese Herangehensweise stieß auf große Resonanz. „Viele Vorarlberger:innen, die heute zur Vorstellung gekommen sind, kamen mit der Schuldfrage im Kopf“, erzählte die Zuschauerin Lisbeth am Ende des Abends. Sie ergänzte sichtlich erleichtert: „Ich bin sehr froh, dass die Regisseurinnen beschlossen haben, sich der fernen und jüngeren Vergangenheit meines Heimatlandes Vorarlberg zu stellen. Chapeau! Besonders gefallen hat mir, dass sie eine geschichtliche Perspektive einnehmen, die Verantwortung übernimmt und die Gesellschaft in die Pflicht nimmt. Wir haben als Gesellschaft profitiert, und genau unter diesem Aspekt sollten wir einen Prozess der Versöhnung einleiten – mit uns selbst und den anderen Betroffenen. Nur so finden wir jenen Frieden und jene Aussöhnung, ohne die wir immer ‚verwaist‘ bleiben würden.“
Diese Sichtweise teilt auch die Protagonistin Teresa Reiter. Sie weist die Schuldfrage zurück und betont stattdessen in der Diskussion die Verantwortung, da „mit Verantwortung ein Raum zum Handeln offengelegt wird“. Ihrer Erfahrung nach fühlen sich Menschen durch die Frage nach der Schuld oft angegriffen und blockieren jeden Diskurs. „Wir wollen den Diskurs führen“, unterstreicht sie, denn nur so werde eine langfristige Versöhnung möglich.
Der Film ist eine längst fällige Auseinandersetzung mit der kolonialen Ausbeutungsgeschichte Österreichs
In nur 88 Minuten machen die vier Regisseurinnen die globale Ausbeutung auf Kosten Afrikas greifbar, indem sie die Verbindungen zwischen Lustenau und Lagos offenlegen. Dabei dokumentieren sie eindrucksvoll die mühsame Renaissance der nigerianischen Textilindustrie, die sich gegen ihre Entfremdung wehrt und einer hoffnungsvollen Zukunft entgegenblickt. Diese Brücke zwischen den Kontinenten schlägt auch das jährlich stattfindende ADIRE Festival: Eine lebendige Feier des Yoruba-Textilerbes, die die traditionelle Indigo-Färbekunst der Egba ehrt. Während das Hauptfestival in Abeokuta (zuletzt im Februar 2026) stattfindet, bringt der „Adire Carnival“ in Wien die Modenschauen, Workshops und Ausstellungen dieser Kultur direkt nach Österreich.
Dieser Film ist eine längst fällige Auseinandersetzung mit der kolonialen Ausbeutungsgeschichte Österreichs. Dadurch beweist Vorarlberg Mut und stellt sich – wie zuvor schon Salzburg – der eigenen historischen Verantwortung. Damit wird die größte Lüge der Zweiten Republik Stück für Stück demontiert: die Behauptung, Österreich sei am Kolonialismus unbeteiligt gewesen. Mögen andere Bundesländer diesem Beispiel folgen und zur längst überfälligen Wahrheit finden.





